Donnerstag, 22. August 2019

Billie Eilish, Lowlands Festival 2019, Biddinghuizen

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Konzert: Billie Eilish
Ort: Lowlands Festival 2019
Datum: 18.08.2019
Dauer: 60 min
Zuschauer: ca. 40.000



Wenn an einem Samstagnachmittag um 15:30 Uhr fast 40.000 Menschen zusammenkommen, geht es fast immer um Fußball. Heute ist das anders. Billie Eilish hat sich angekündigt, und fast alle haben sich zeitig auf das Gelände begeben. 



Nur circa ein Drittel der Zuschauer bleibt unter der gewaltigen Hangarkonstruktion der Hauptbühne des Lowlands Festivals trocken, die anderen werden trotz des einsetzenden, heftigen Landregens nicht ihre Plätze verlassen. Das sagt schon viel über eine erst 17-jährige Künstlerin, die es geschafft hat, in einem Jahr berühmter zu werden, als andere in einem Jahrzehnt. 

Cool betritt sie die spartanische Bühne, nur ihr Bruder an Keyboard und Gitarre und ein Schlagzeuger werden sie in der nächsten Stunde begleiten. Sie trägt einen Phantasie-Hosenanzug in den Farben neon-grün und schwarz, extrem lange Fingernägel und dicke schwarze Sneaker. Dazu flackern wenig erschreckende Zeichentrickanimationen a la "Nightmare before Christmas" über den riesigen Screen im Hintergrund. 



Das Management wollte an diesem frühen Auftritt am Nachmittag (der bei der Buchung im letzten Jahr noch gerechtfertigt war) festhalten. Es scheint, als wolle man dem ganzen Hype doch nicht mit Godzilla großen Schritten folgen. Als Headliner kann Billie Eilish in den nächsten Jahren ja noch jederzeit wiederkommen. Vielleicht ist diese Entscheidung auch richtig. 

Denn nach dem starken "Bad Guy" wird klar, selbst die eine Stunde wird nur mit einigen Tricks auf einem hohem Emotionslevel gehalten. Zu fast jedem Song gibt es eine eigene "Choreografie". Mal springt Billie wie ein Derwisch, im nächsten Song liegt sie auf der Bühne, später dann kommt der von Bodyguards im Voraus sorgfältig geplante Gang durch den Korridor im "Front of Stage" Bereich. 



Was aber auch auffällt: Die Stimme von Billie Eilish stemmt fast das komplette Konzert alleine. Dazu kommt eine Bühnenpräsenz, die einen wirklich gefangen nimmt. Die leuchtenden Augen der Hardcore-Fans sind also durchaus nachvollziehbar. Keiner wird nach diesem Konzert behaupten, Billie Eilish wäre ein One-Hit-Wonder. 

Wer die Performance von "When the party`s over" gesehen hat, (Billie bittet alle, die Handys ruhen zu lassen und singt den Song alleine auf einem Barhocker sitzend) könnte das Festival eigentlich sofort verlassen. Etwas ergreifenderes wird es an diesem Wochenende nicht mehr geben. 

Bei der Schlußnummer "Bury a friend" dürfen dann nochmal die Emotionen offen ausgelebt werden, bevor Billie als erste hinter der Bühne verschwindet.



"I could lie, say I like it like that, like it like that." Das ist nicht notwendig, dazu hat Billie Eilish zu viel Talent. 


Fotos: Michael Graef/
Dirk Langen

Mittwoch, 21. August 2019

Ladytron, Stockholm, 31.05.19

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Konzert: Ladytron
Ort: Kraken, Stockholm
Datum: 31.05.2019
Dauer: gut 80 min
Zuschauer: vielleicht 500

 

Es ist irgendein einfacher psychologischer Effekt, daß die Dinge, die schwer zu bekommen sind, besonders attraktiv erscheinen. Da ich mich von solchen miesen Spielchen nicht austricksen lasse, war mir schon bewußt, daß ein großer Teil meiner Vorfreude auf Ladytron von der Knappheit bestimmt wurde. Es ist zehn Jahre her, daß die Band aus Liverpool zuletzt in Köln gespielt hat. Zwar gab es im vergangenen Herbst eine Tour in Großbritannien, für die ich Karten hatte, es funktionierte aber nicht. Das ist der Katalysator der Knappheit. Wenn etwas schon da war, aber wieder weggenommen wird, ist der Wunsch danach umso größer. 

Über all diesen wirren Kram hatte ich ausgiebig nachdenken können, als ich vor der Tür des Kraken in Stockholm darauf wartete, daß der Einlass beginnen würde. Auf Ticket und Website stand 20 Uhr, ob Beginn oder Einlass war nicht auszumachen. Um kurz vor acht warteten eine Menge Menschen vor der unbeschrifteten Club-Tür. Das Kraken ist in der Nähe der Multifunktionshalle Globen und kommt komplett ohne Hinweis-Schilder aus. Es dauerte eine Weile, bis man uns mitteilte, daß es das erste Konzert der Tour sei und Ladytron gerade noch soundcheckten. Als den Kraken-Leute klar wurde, daß aus "in ein paar Minuten" locker eine Stunde wurde, bekamen wir alle einen Roulette-Jeton in die Hand gedrückt, der ein Getränk bedeutete (bei den Alkoholpreisen in Schweden eine sehr großzügige Geste).

Das Kraken ist ein sehr stylisher aber auch ein wenig merkwürdiger Club. Er ist - so wirkt es - ins Erdgeschoß eines normalen Bürogebäudes gepackt worden. Es gibt Fensterfronten und ganz viele Winkel, aus denen man die Bühne nicht sieht. Die Fläche des Clubs ist riesig, vermutlich für 1.000 Zuschauer ausgelegt, ein guter Teil von denen sähe dann aber nichts. 

Ladytron haben bewegte Jahre hinter sich. Das Nachfolgealbum von Gravity the Seducer sollte ursprünglich bereits 2013 erscheinen, wurde aber erst 2018 konkreter, als die Band aus Liverpool ankündigte, ihre sechste Platte über PledgeMusic zu finanzieren. Die Finanzierungsziele wurden schnell erreicht, erste Teile der Pakete ausgeliefert. Bei mir steckte da schon ein wenig der Wurm drin. Die erste Single The animals, die Teil meines Bundles war, erreichte mich nie. Irgendwann kam die Single The island und mit ihr der Hinweis, daß es die zweite Auskopplung sei. Nach Nachfrage beim Logistikdienstleister von PledgeMusik versicherte der mir, The animals neu rauszuschicken. Ich erhielt noch einmal The island. Also schrieb ich ein neues mail, fragte, ob ich die doppelte Single zurückschicken solle und bekam kurz danach ein Päckchen mit... The island (3). Die Geschichte ist pointenlos, denn eine Woche später kam auch The animal endlich an. 

Ob ich damit eine Mitschuld am Zusammenbruch von PledgeMusik habe, weiß ich nicht. Kurz vor dem geplanten Veröffentlichungstermin von Ladytron erklärte der kräftig wackelnde Finanzierer, man stehe in Verhandlungen mit der Musikindustrie, bald sei wieder alles prima. Am 1. Februar erschien das Album (auch Ladytron) dann digital bei PledgeMusic. Vor dem Versand (und in manchen Fällen der Produktion) der anderen Teile der von Fans gekauften und bezahlten Pakete brach PledgeMusic aber zusammen. Eine Woche nach der Veröffentlichung schrieb die Band ihre Fans an und teilte mit, daß sie erfahren habe, daß kein Versand mehr stattgefunden habe. Platten und Merch lagen in einem Versandhaus, der Dienstleister von PledgeMusic hatte auch kein Geld mehr bekommen.*

Stockholm...


Gegen 22 Uhr kam eine einzelne Frau auf die komplett von Keyboards und Synthesizern vollgestopfte Bühne. Roya aus Stockholm hatte den swedischen Indiemusik-Preis fürs Synthie-Album des Jahres gewonnen, langweilte mich aber ein wenig, obwohl sie nur 22 Minuten zu Liedern vom Band sang. 

Um kurz nach elf wurde es ganz dunkel, das sollte bis auf einzelne Lichtblitze so bleiben. Ladytron kamen mit zwei Verstärkungen auf die Bühne, einem Drummer und der Glasgower Musikerin Sarah J Stanley (HQFU), die schon in Helen Marnies Band gespielt hatte. 

Diese "Lichtblitze" waren Videoanimationen, die auf die Band projeziert wurden und die die einzige Bühnenbeleuchtung blieben. Dadurch hatten die beiden Sängerinnen Helen und Mira immer wieder große Schatten im Gesicht, ihre Kollegin und die drei Männer hinten waren meist komplett schattig. Zur kühlen elektronischen Musik von Ladytron passte diese einfache aber wirkungsvolle Nicht-Ausleuchtung perfekt, für Fotografen war es aber wohl kein so toller Abend.


Weil es so lange her ist, daß ich Ladytron einmal gesehen hatte, war ich gespannt, wie sehr mich die Musik, die ich auf Platte so liebe, live packen würde. Sie tat - und wie! Abseits der Lieder gibt es keinerlei Entertainment, keine großen Ansagen. Aber warum auch? Auf den sechs Alben der Liverpooler sind so viele Hits, da sind keine Ablenkungen nötig.

Natürlich spielte die Band vor allem Stücke von der aktuellen Platte Ladytron. Es hatte eine Weile gedauert, bis ich die mir erschlossen hatte, mittlerweile bin ich riesiger Fan und halte sie für gleichwertig den Vorgängern gegenüber. Dadurch entstand nie dieses Gefühl, daß es jetzt mal gut mit neuem Kram sei und ruhig ein paar alte Lieblinge kommen könnten. Die vier Singles der aktuellen Platte (The animals, The island (3)) sind eh Hits, vor allem The animals liebe ich abgöttisch. 

Irgendwann nach knapp einer Stunde Konzert kündigte Helen ein weiteres neues Lied an. You've changed sollte das letzte Stück vom aktuellen Album sein. Der Rest sollte ein fast schon protziges Best-of werden. White elephant von Gravity the Seducer, dann Discotraxx (leider das einzige Stück von Debüt 604 - vielleicht könnte die Band deren 20. Geburtstag 2021 feiern?) und als Zugaben White gold, Seventeen und Destroy everything you touch. Wenn man so wenige Konzerte wie ich dieses Jahr sieht, ist es ein wenig albern, über Top-10s nachzudenken. Ladytron spielten aber definitiv ein Konzert, an das ich mich lange erinnern werde. Und das dazu führte, daß ich mich unendlich ärgere, nicht im vergangenen Herbst meinen Fanboy-Pflichten nachgekommen zu sein! Kommt nicht wieder vor!

Setlist Ladytron, Kraken, Stockholm:

01: Black cat
02: The island
03: Ghosts
04: Soft power
05: The animals
06: Paper highways
07: Deadzone
08: Runaway
09: Far from home
10: Fighting in built up areas
11: International dateline
12: You've changed
13: White elephant
14: Discotraxx

15: White gold (Z)
16: Seventeen (Z)
17: Destroy everything you touch (Z) 

Links:

- Ladytron, Köln, 15.10.08




* Erst Monate später sollten Ladytron dieses Problem lösen, indem sie ihre Fans baten, noch einmal Porto zu zahlen, nachdem die Frage des Eigentums der eingelagerten Produkte geklärt war. Mein Vinyl (und CD und Kassette) kamen dieser Tage bei mir an. Die ebenfalls angekündigte DVD des Konzerts im Astoria, das auf Vinyl erschienen ist, wurde von PledgeMusic nie produziert.




Donnerstag, 15. August 2019

Haldern Pop Festival 2019

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Konzert: Haldern Pop Festival 2019
Ort: Rees/Haldern
Datum: 08.08.-10.08.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ca.7000 ausverkauft



Was für eine großartige Ausgabe des Haldern Pop Festivals in diesem Jahr. Nach gefühlt 2-3 etwas schwächeren Jahren, und immer mehr Konkurrenz durch ähnliche Veranstaltungen hat die "alte Dame" Haldern Pop in drei Tagen zu alter, voller Kraft gefunden. 

Mehr noch, durch die jetzt schon bestätigten Absagen des "Open Source Festials", dem "Maifeld Derby" und des "Summers Tail Festivals", wird das Alleinstellungsmerkmal dieser Traditionsveranstaltung wieder gestärkt. 

Doch auch ohne diese schmerzlichen Absagen konnte man wahrnehmen, wie sich der Wind auf dem Zeltplatz drehte (Der echte Wind war am Samstag ein anderes Problem). Noch nie sah ich so viele begeisterte Freunde von diversen Konzerten schwärmen, schon mittags wurde plötzlich zum Spiegelzelt oder der Pop Bar aufgebrochen, früher oft undenkbar. 

In dieser bestechenden Form wird das Haldern Pop nach mittlerweile 36 Ausgaben fast zum "Last man standing" in der deutschen Festivalszene, zurecht. 

Dabei gab es doch am Donnerstag immer schon so viel mehr zu erleben als perfekte Grillwürste und noch kaltes Bier. Die Kirche spielt zum Tanz auf, na ja Haldern wäre nicht Haldern, wenn es nicht auch etwas sperrig werden würde: Jeremy Dutcher, in seiner Heimat Kanada mit diversen Musikpreisen ausgezeichnet, bot nicht nur Musik, sondern brachte durch antike Samples von Tonaufnahmen auch die ganz alte Zeit zurück in das Gotteshaus. 



Auf der Hauptbühne eröffnete wenig später Durand Jonas mit feinstem Soul, der uns auch in den weiteren Tagen immer wieder hier und da begegnen würde. Danach spaltete sich die Reisegruppe: Straßenmusiker singalong mit Publikumsanimation durch Gerry Cinnamon, oder die verrückten Derwische von The Chats im Niederrheinzelt (ja, es gab dieses Jahr noch ein siebte Bühne), oder der neue Hype aus England: Black Midi im Spiegelzelt.

Für mich war die Entscheidung klar. Und auch wenn ich das Gefühl hatte, die Band weiß selber nicht genau, was sie da gerade aufführt. Black Midi sind live ein Ereignis. Zu Hause auf dem Sofa ist diese Musik für viele sicher kaum vorstellbar, hier aber peitschten Riffs und Rhythmuswechsel durch das Zelt, ein 50-minütiger Trip, der einen wechselweise Pogo oder Walzer tanzen ließ. Ab und zu nur gab es eine Art Gesang, meistens waren es mehr stumpfe Schreie, die da durch Mikro schallten, ein verstörender Auftritt. 



Andere Klänge beim Ausgang dann von der Mainstage. Kadaver, die bisher wohl einzige Band die in "Wacken" und auf dem Haldern Pop gespielt hat, zelebrieren ihren intensiven Rock, der auch hier überraschend gut angenommen wird. Das mir völlig unbekannte Robocobra Quartet bot danach innovativen Fusion-Jazz, der oft fordernd, aber trotzdem melodisch daher kam und die Zuschauer positiv verwirrte. 





Die beiden letzten Bands des Abends boten dann Anlass zu großen, oft schon etwas bierseligen Diskussionen. Secret Act Giant Rooks und der Schweizer Faber sind halt nicht jedermanns Sache. Und jeder hatte seine eigene Meinung. Einerseits der schon fast zu perfekte Pop der Giant Rooks, die aber immer noch nicht einmal ein Album vorweisen können. Daneben die oft schwer erträgliche Pennäler Lyrik von Faber, dessen Band aber auf ganzer Linie überzeugen konnte. 



Dazwischen konnte sogar Haldern untypisch das Tanzbein geschwungen werden. DJ Tereza übernahm das sich schnell füllende, aber etwas schmucklose Niederrheinzelt im Sturm. Als wäre das alles noch nicht genug an musikalischer Bandbreite für den ersten Tag, gab es dann noch ein Highlight im Spiegelzelt. 



Das Moka Efti Orchestra hätte natürlich auch locker die Hauptbühne bespielen können, aber wie genial wirkte dieses Setting im romantischen Zelt. Jeder Musiker hatte wohl weniger Platz als die hoffentlich glücklichen Kühe im Halderner Stall, aber die Atmosphäre mit schon vorhandener Bettschwere war der perfekte Ausklang eines ersten Festivaltags. 

Der Freitag startet mit kühlem Regen und vermiest einem den frühen Aufbruch ins Dorf zum jährlichen Plausch vor der Pop Bar, den ersten musikalischen Eindrücken sowie dem Pflichtkauf beim Bäcker: Pflaumenstreusel, dem leckersten seiner Art. 

Zum Glück gibt es ja wieder die Kirche, in der nach einem klassischen Intermezzo von Cantus Domus die blutjunge Australierin Alex the Astronaut alleine an ihren Gitarren aufspielt. Mit ihrer unschuldigen Art und ihrem breiten Dauergrinsen, sowie ihrer lässigen Kleidung würde man eher ein Surfergirl in ihr sehen wollen. Musikalisch ist das Ganze genauso beschwingt und melodisch. Einen Witz auf Deutsch kennt sie auch schon. Ein schöner, fröhlicher Start in den Tag, mehr aber auch nicht.

Danach sollen die Damen von Gurr beim Crowdsurfen in der Pop Bar ?! fast aus dem Fenster gefallen sein, zuzutrauen ist es ihnen. Pünktlich zurück vor der Hauptbühne folgt das nächste Ritual. Die vier Jahreszeiten erklingen (leider ohne Hein Fokker in diesem Jahr) und fast immer lohnt sich der 1. Act der Hauptbühne besonders. So auch diesmal. 



Der isländische Soulsänger Junius Meyvant betritt mit 2 jungen Bläsern die Bühne und zaubert seinen träumerischen Soulpop auf die Bühne. Das klingt beliebig und vielleicht langweilig, ist aber bei der Erscheinung und vor allem dem Songwriting von Meyvant ein Genuss. 

Whitney und Charlie Cunningham verblassen für mich danach etwas auf der Hauptbühne, Zeit für den ziemlich verrückten Auftritt von Barns Courtney im Spiegelzelt. Die Meinungen gingen hier stark auseinander. Hinter dem etwas extrovertierten Posing verstecken sich aber enorm viel Energie und eine tolle CD. Auf jeden Fall ein Kandidat für die Hauptbühne im nächsten Jahr. 



Doch alles bis dahin gesehene sollte sich am Abend noch relativieren. Musikalisch gab es wohl keinen cooleren und perfekteren Auftritt als den von Father John Misty. Es war ein perfektes Konzert, nur spontan war es natürlich keine Sekunde. Traumwandlerisch spielt seine Bigband 90 Minuten lang einen Querschnitt durch mindestens 10 Musikstile. Tex-Mex, Rock, Indie, Pop, Balladen, da bleibt kein Auge trocken. Dazu eine ganz reduzierte Lichtshow, witzige Ansagen und die Aura eines Superstars. Der Mann wird einfach von Jahr zu Jahr besser. 



Für längeres Reflektieren bleibt zunächst keine Zeit, die Fountains D.C. beginnen im Zelt schon mit ihrem Intro. Dieser Auftritt wird ebenfalls noch nachhallen. Zum einen, weil der Auftritt nur circa halb so lang dauern wird wie im Zeitplan ausgegeben, zum anderen, weil die Fountains D.C. hier ihre großartige CD in der Liveversion in feinster Fuckyou-Tradition herunterrotzen. So etwas hat man schon lange nicht mehr gesehen. Da waren die intensiven 35 Minuten wertvoll genug. Sänger Grian Chatten klammert sich das ganze Konzert an sein Feuerzeug, würdigt ansonsten keinen seiner Mitspieler eines Blickes, und stürmt nach dem letzten Song sofort aus der Zelttür um endlich seine Zigarette anzünden zu können. Solche Prioritäten muss man sich leisten können. 

Sophie Hunger`s Name erinnert mich dann daran, dass ich seit dem Pflaumenkuchen nichts mehr gegessen habe, also kurze Pause bevor der nächste musikalische Orkan hereinbricht, und es sollte ein mächtiger Sturm sein. Einer, den man auf dem Reitplatz so vielleicht noch nie erlebt hat.



Die Idles stürmen die Bühne und es gibt kein entkommen. Pogo bis zum Mischpult, Bierbecher fliegen einem um die Ohren und man wähnt sich eher beim "Ruhrpott-Rodeo" als beim beschaulichen Haldern Pop, wo sonst Picknickdecken und Kinder mit Kopfhörern ein prägendes Bild sind. Es folgen Kraftausdrücke gegen den Brexit, Gitarristen im Publikum, Schreie, ein Schlagzeuger der mich immer an einen Charakter aus "Hangover" erinnert und jede Menge Spaß. Denn eigentlich sind die Idles total harmlos. Nie ist ihre Härte wirklich aggressiv, nie ist der Sänger so brutal oder böse wie es manchmal auf der Bühne wirkt. Alles dient den Songs, und die behalten ihre Stärke in dem ganzen Chaos überraschend gut. "Mother" und "Rottweiler" sind Granaten, explodieren im Publikum und werfen die Energie wieder zurück auf die Bühne. Was für ein Auftritt. 



Da wird selbst der sonst so herbeigesehnte DJ St. Paul ausnahmsweise entbehrlich.  Wenn der Ausspruch "zum Zelt zurück taumeln" je gestimmt hat, dann an diesem Abend. 

Der letzte Tag startet dann mit starken Windböen statt Schauern. Das Wetter nimmt man in der Stadt sonst ja nie so richtig wahr. Auch mal schön sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. 

Am Samstag ist es im Dorf immer etwas ruhiger. Die Kirche wird nicht mehr bespielt und so bleibt Zeit für schöne Gespräche, bevor dann die Pictures aus Berlin die rappelvolle Pop Bar mit feinstem Brit-Pop beschallen. 

Die Band hat eine bewegte Geschichte. Sie begannen als Grungeband "Union Youth", mit großen Hoffnungen und Erwartungen wurden sie dann in die USA eingeladen, doch es kam alles anders. Dem WDR war das Ganze eine 90-minütige Dokumentation wert. Absolut sehenswert, genau wie das Konzert. Schade nur, das diese Art von Gitarrenrock zur Zeit in der Öffentlichkeit keine Resonanz findet. Warten wir auf das Oasis-Revival. 



Zu gerne hätte ich noch die US-Band Wand gesehen, aber James Leg stand schon auf der Hauptbühne bereit. Ein Stimme wie der Vater von "Tom Waits" und eine Dame am Schlagzeug die alle verzaubert. Das ganze hätte natürlich auch perfekt um 1:00 Uhr nachts in das Spiegelzelt gepasst, aber 13:00 Uhr war auch OK. Ein Cure-Cover gibt es am Schluss auch noch und berechtigte Zugabenrufe, aus der für Mittags schon sehr großen Zuschauerschar. 

Das Schauspiel der Daughters ist von der Leinwand vor dem Spiegelzelt aus bereits imposant, oder sagen wir verstörend. Sänger Alexis Marshall gibt am Ende den "Kinski" und peitscht sich selber, auf der Box stehend, mit einem Gürtel aus. Passt zum brachialen Hardcore-Sound der Band, ist aber sicher nicht jedermanns Sache. 

Danach geht es wesentlich entspannter weiter. Der, mir viel zu langweilige Pop von Kat Frankie verpufft schnell seine Wirkung, der obercoole Sound des Trios Khruangbin dagegen gar nicht. Hier wird durchgespielt. "Neil Young" sagt ja gerne "They all sound the same, it`s one song". Das gilt hier ebenfalls. Die beiden flirten und wandern über die Bühne, während das Schlagzeug fast unbemerkt bleibt. Ein Augen-und Ohrenschmaus, perfekt zur wieder erstarkten Sonne, die langsam links neben der Bühne verschwindet.

Dann wieder zwei Konzerte die spalteten: Sowohl bei der ukrainischen Rapperin Alyona Alyona als auch bei den Mädels von Haiku Hands kocht das Spiegelzelt fast über. Trotzdem packen mich beide Auftritte musikalisch nicht. 

Der soulige, und eher dem Singer/Songwriter Genre entsprungene Hip-Hop von Loyle Carner ist dagegen wesentlich anspruchsvoller. Auch hier wieder klare "Fuck-Brexit" Ausrufe von der Bühne, die Loyle als sein Wohnzimmer dekoriert hat. Sogar Fußballtrikots hängen da an großen Wänden. 



Und auch am dritten Tag kehrt der Soul dann wieder zurück ins Dorf am Niederrhein. Diesmal in seiner perfektesten Form, dem Ausnahmetalent Michael Kiwanuka. Seit seinem letzten Auftritt ist zwar kein neues Album erschienen, trotzdem präsentiert er sich nochmal gereift und verbessert und präsentiert zumindest einen neuen Song. Ein beseelter Auftritt in gleißendem Licht und perfektem Sound. Dazu zwei Damen als Backroundsängerinnen. Viele Worte zwischen den Songs findet er nicht, aber das würde hier auch nur stören. Von "Cold little heart", dem Titelsong der Serie "Big little lies" mit Nicole Kidman, zu "Love & Hate" in einer fantastischen Version von fast 10 Minuten. Ein Headliner der seinen Namen verdient hat. 

Balthazar haben es danach schwer, spielen aber einen soliden, poppigen Set der die meisten noch auf dem Reitplatz verweilen lässt, obwohl die ganz großen Emotionen schon vorbei sind. 

Wie schon eingangs beschrieben, bleiben den oft kritischen Stimmen dieses Jahr wenig Argumente. Nicht nur die holländischen Besucher, mit Sicherheit von diversen Festivals in ihrem Land verwöhnt, waren wieder voll des Lobes. 



Auch ich denke, das Haldern mit dieser Ausgabe stolz und mehr als bestärkt in die Zukunft blicken kann. Die Gäste dankten es mit einem fast vollständig gereinigtem Zeltplatzgelände. Vielleicht der einzige Ausdruck von Respekt und Dankbarkeit, den man dem Veranstalter als Zuschauer direkt spiegeln kann.

Der VVK für 2020 läuft bereits: Haldern Pop Festival 2020 Ticketshop


Fotos: Denis Schinner 


Mittwoch, 14. August 2019

Thud, Ripley, 28.07.19

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Konzert: Thud
Ort: Midlands Railway Centre, Ripley (Indietracks)
Datum: 28.07.2019
Dauer: gut 35 min
Zuschauer: sehr viele




Ein paar Wochen vor dem Festival veröffentlicht das Indietracks seinen traditionellen Sampler mit Songs der bestätigten Bands. Wie auch die des Festivals selbst, gehen die Erlöse an das Eisenbahnmuseum, auf dessen Gelände das Indietracks stattfindet. Auf dem Bandcamp-Sampler ist jeweils ein Lied fast aller eingeladenen Künstlerinnen (Mehrheit) und Künstler; da ich kein Spotify nutze und viele der Bands ein überschaubares Gesamtwerk haben, muß das als grobe Vorbereitung reichen. Wie jedes Jahr ist auch der 19er Sampler durchgängig gut, wie immer stachen aber auch dieses Jahr ein paar Lieder raus. Am meisten Ado von Thud, ein Shoegaze-Kracher einer mir bisher unbekannten Band aus Hongkong.


Shoegaze hat eine gewisse Tradition beim Indietracks. Indiepop, Twee-Pop, DIY-Punk und ein wenig Shoegaze sind die programmatischen Stützen des Festivals, wobei dieses Jahr deutlich zu wenig twee war. Die wenigen Shoegaze-Acts, die ich in den letzten Jahren in Ripley gesehen habe, waren ausnahmslos gut, Thud versprachen das auch.

Thud spielten nach den BV's am Sonntag. Sie waren aber auch beim Auftritt der Augsburg-Cornwall-Band vertreten, Josh Turner trug eine der schönen Thud-Baseball-Caps, die es im Merch-Zelt gab. Beide Bands hatten während der Warm-Up-Phase in der Woche vorher zweimal gemeinsam gespielt und sich schätzen gelernt. 

Thud sind Sängerin und Keyboarderin Kim, die beiden Gitarristen Sky und Andy und die Brüder Wang (Bass) und Wai (Schlagzeug). Der Bühnenaufbau war ganz spannend. Kim stand hinter ihren Keyboards zentral, Bass und eine der Gitarren rechts von ihr. Der andere Gitarrist stand von uns aus rechts, war aber meist den anderen zugewandt und diente wohl als eine Art Dirigent. Vielleicht brauchte er aber auch einfach mehr Raum zum Rumlaufen.

Entgegen der Befürchtungen, daß die Soundstrukturen der Band in der Eisenbahnhalle kaputtgemischt würden, klang das Konzert direkt gut. Der Saal hat Grenzen, es schepperte aber nichts. Damit kamen die Stücke der fünf Hongkonger gut zur Geltung. Das Konzert begann mit Lime von der ersten EP Floret. Ich hatte mir vor dem Festival das Gesamtwerk der Band digital gekauft. Neben Floret gibt es zwei Bandcamp-Singles und eine 7"-Single, die 2018 veröffentlicht wurde. Vor allem die aktuelle Single mit den beiden Liedern Ado und Still still ist fantastisch. Glücklicherweise funktionierten sie auch live hervorragend. Man merkt Thud an, daß die Band schon eine Weile existiert (sie wurde 2014 bereits in nme und Drowned in Sound besprochen). Kims verhutschelter Gesang, dazu bewegte sie die Arme feenhaft, dann die tollen Gitarrenmelodien, das hatte schon sehr viel! 

Seit meinem ersten Indietracks 2013 nehme ich jedes Jahr - auch 2019, obwohl ich da extrem viele Bands schon vorher gesehen hatte - mindestens eine Entdeckung mit, die bleiben wird. Dieses Jahr waren das Thud, mein persönliches Ripley-Souvenir, an dem ich noch lange Freude haben werde! Und Baseballkappen.




Setlist Thud, Indietracks, Ripley:

01: Lime
02: The other day
03: Still till
04: Ado
05: No talk
06: Wellwave
07: Prime of pride
08: Ride the night

 


Dienstag, 13. August 2019

Peaness, Ripley, 26.07.19

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Konzert: Peaness
Ort: Midlands Railway Centre, Ripley (Indietracks)
Datum: 26.07.2019
Dauer: gut 35 min
Zuschauer: schon viele für Freitagabend



2017 waren Peaness ("Pronounced PEA-NESS, but it’s not massively important is it") eine der Bands, auf die ich mich beim Indietracks am meisten gefreut hatte. Die dreiköpfige Gruppe aus Chester kam mit der Empfehlung eines wundervollen Pop-Albums* (Are you sure? - Alcopop) und spielte nachmittags auf der Hauptbühne. Dieses Jahr war die Band ein paar Stunden später angesetzt und eröffnete das Festival am Freitagabend. 

Obwohl der Auftritt so kurz war (eine gute halbe Stunde) und obwohl bis danach alles in Grund und Boden spielten, verdient das erste Konzert des Festivals eine ausführliche Würdigung. Weil ich von Peaness in den vergangenen zwei Jahren nur eine neue Single mitbekommen hatte, hatte ich mit einem eher unspektakulären Programm gerechnet.


Neu war zunächst einmal, was für eine großartige Liveband Peaness mittlerweile sind! 2017 wirkte es manchmal noch so, als verpuffte die tolle Musik nachmittags auf der großen Bühne. Davon war diesmal nichts zu spüren, Peaness überzeugten - Unsinn! - begeisterten mich voll und ganz! Und das, obwohl fast die Hälfte der Stücke mir komplett neu waren und dafür Hits wie der Summer song keinen Platz mehr hatten. Das erste neue Lied war eines darüber, den Job zu kündigen (How I'm feeling). Dazu fiel Bassistin Jess ein Indietracks-Witz ein, von dem die anderen wohl nicht wirklich wollten, daß sie ihn erzählt: "Why does the can-crush man hate his job so much? - Because it's so depressing!"


Das nächste neue(re) Stück Breakfast ist der Brexit-Song der Band und als digitale Single in diesem Frühjahr erschienen. Wenn man der schrecklichen politischen Entwicklung vor allem in Großbritannien etwas Gutes abgewinnen kann, dann die vielen aus Wut entstehenden Bands und Songs. Breakfast ist kein wütendes aber ein sehr schönes Stück. Schade, daß das Lied nicht auf Vinyl erschienen ist, sein Artwork mit einem UK-förmigen Spiegelei, das vom Frühstücksteller fällt, ist fabelhaft!

Auch die drei Lieder danach kannte ich nicht, (Girl just relax, What's the use und Kaizen), aber auch die gefielen mir ausnahmslos gut. Vielleicht erscheint ja später im Jahr noch eine Platte.

Das Set aus neuen Stücken füllten Jess, Rach und Balla mit vier Hits auf, Oh George, Skin surfing, Seafoam islands und Same place, alles ganz große Knüller.

Weil vor dem "N" im Namen ein "A" steht, hat Peaness immer schon Merch mit Erbsenhintergrund. Vor zwei Jahren gab es Erbsen-Pins, diesmal Stoff-Erbsen! Nicht ganz richtig verstanden hatte jemand im Publikum den Bandnamen und brachte einen Plastikpenis mit. Die Reaktion darauf war ein wenig indietracks... "das ist aber gar nicht indietracks."

Peaness waren eines der Highlights des diesjährigen Festivals. Und im Gegensatz zu vielen anderen tollen Bands, die da spielen, gibt es sehr bald Gelegenheit sie auch in Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden zu sehen, Peaness supporten The Beths in der kommenden Woche (Termine unten)!

Setlist Peaness, Indietrack, Ripley:

01: Seafoam islands
02: Same place
03: How I'm feeling (neu)
04: Oh George
05: Breakfast (neu)
06: Girl just relax
07: What's the use (neu)
08: Kaizen
09: Skin surfing

Links: 

Peaness, Ripley, 29.07.17

Termine:

- 20.08.19: Subway, Köln
- 21.08.19: Congés Annulés, Luxemburg
- 22.08.19: Hafenklang, Hamburg
- 24.08.19: Internet Explorer, Berlin
- 25.08.19: Altstadt, Eindhoven
- 26.08.19: Paradiso, Amsterdam

 

* das offiziell nur eine EP ist, wie ich eben gelernt habe



 

Konzerttagebuch © 2010

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