Konzert: BirdPen Ort: Le Batofar, Paris Datum: 26.01.2012 Zuschauer: volles Boot!, an die 300 Konzertdauer: etwa 75 Minuten
Konzerte auf den Pariser Hausbooten mag ich gerne, das herrscht immer eine ganz spezielle Atmosphäre. La Dame de Canton, Le Petit Bain, Le Bateau El Alamein und natürlich das Batofar, Locations dieser besonderen Art gibt es so einige in der Nähe von Paris-Bercy. Alle liegen sie am gleichen Ufer, dem Quai François Mauriac, unweit der TGB (Très Grande Bibliothèque), die sich Ex-Präsident Francois Mitterand als Abschiedsdenkmal errichten ließ.
Meistens sind die Gigs in diesen Hausbooten aber schlecht promotet, so daß man oft nur 20 bis 30 andere Zuschauer sieht und fast Mitleid für die auftretenden Bands empfindet. Heute war dies aber anders. BirdPen aus England hatten es geschafft, 300 Fans zu mobilisieren und das Batofar fast auszuverkaufen. Volles Boot also und dies für eine Formation, die nach ein paar EPs gerade einmal einen richtigen Longplayer (On/Off/Safety/Danger, 2009) auf den Markt gebracht hat. Allerdings steht der Nachfolger bereits in den Startlöchern und soll schon sehr bald erscheinen. Und einen nicht unbeachtlichen Teil seiner Popularität bezieht BirdPen sicherlich aus die Tatsache, daß ihr Sänger David Penney auch zu der ungemein erfolgreichen Band Archive gehört. Archive selbst habe ich nie richtig live gesehen (sieht man einmal von ein paar sehr weiten und eher flüchtigen Höreindrücken beim Festival Rock en Seine 2011 und bei den Solidays 2006 ab), mich stattdessen heute auf den Ableger Birdpen gestürzt.
Und die Burschen machten ihre Sache sehr ordentlich. Ihre Musik war eine Mischung aus epischem Indierock (Radiohead meets Kasabian), Elektro, Trip Hop und Shoegaze und besaß ziemliche Durchschlagskraft. Die Gitarren erfüllten schon sehr bald jeden Winkel des Batofar. Sänger Penney schaffte es trotz dieser Gitarrenwände sich Gehör zu verschaffen. Sein greinender, langgezogener Gesang erinnerte (zumindest live) an Ian Mucculloch von Echo & The Bunynmen aber auch an Bono, freilich ohne, daß man als Hörer eine häßliche Sonnenbrille zu ertragen hatte.
Die Songs steigerten sich in schöner Regelmäßigkeit von Minute zu Minute, wurden immer ein wenig intensiver und eindringlicher, bevor am Ende ordentlich die Post abging. Gutes Beispiel hierfür das gelungene Only The Names Change, bei dem Penney manchmal fast ein wenig an Jim Morrison erinnerte. Nature Regulate fing fast wie eine Ballade von Coldplay an (das Piano), gewann aber ebenfalls im weiteren Verlauf deutlich an Dynamik hinzu. Off wiederum schickte ein langes Instrumentalintro voraus und ließ mit seinem düster-mechanischem Rhythmus und dem trockenem Gesang an Kasabian denken.
Mit am Besten war sicherlich die markante Single Breaking Precedent Official, die poppiger klang als der oft schwarze Rest, allerdings auch meine persönliche Bombastgrenze empfindlich streifte, ja bisweilen ein wenig überschritt.
Unter dem Strich stand aber ein Konzert, bei dem die guten Momente überwogen. Vor allem beim Zugabenteil legten die Musiker noch einmal alles in die Waagschale. Die zwei performten Songs dauerten allein etwa 20 Minuten und das allerletzte Lied endete wirklich fulminant und mit lautem Getöse.
BirdPen sind zwar nicht unbedingt eine neue Lieblingsband, aber eine Liveempfehlung kann ich dennoch bedenkenlos aussprechen. Und Konzerte auf diesen Hausboten sind wie eingangs erwähnt einfach etwas Besonderes. Wann steigt dort der nächste interessante Gig? Ich werde versuchen, dabei zu sein, schon allein um zu sehen, ob das Hochwasser, das bereits heute die Ufer leicht überschwemmte, noch weiter gestiegen ist.
Konzert: Sounds Nordic, Sounds Good! Ort: Zürich, x-tra Datum: 22.01.2012, Zuschauer: ca. 400 zahlende Besucher und jede Menge VIPs auf der Empore Konzertdauer: 17-23.30
Bericht von Gudrun Thäter
Line-up: 17:45 Mirel Wagner (FIN) 18:45 Figurines (DK) 20:15 Kaizers Orchestra (NOR) 22:00 Caligola (SWE) Die Botschaften von Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen in der Schweiz organisierten den Zürichern einen Abend voll nordischer Musik und sich selbst einen netten Abend im x-tra.
Ich stolperte beim Suchen nach Konzertterminen von Mirel Wagner über das Event. Was einen gewissen abseitigen Charme hat, wenn man sich das Lineup ansieht. Die Frage auf Ehre und Gewissen war, ob sich so eine weite Fahrt lohnen würde, inklusive sehr kurzer Nacht - ich musste (wie auch andere, die hier vor mir das Wort ergriffen) Montag früh wieder zur Arbeit und dabei ohne Auto auskommen (konkret also bezahlbares Bett finden und früh genug wieder aufstehen, um 6:00 Uhr den ersten Zug zu nehmen). Die Entscheidung wurde mir dann etwas erleichtert durch Glück im Spiel: die norwegische Botschaft verloste 2x2 Tickets, und ein Paar landete bei mir (mit meiner Partnerkarte habe ich dann die zufällig hinter mir in der Kassenschlange stehende Besucherin eingeladen). Was mir im Vorfeld gefiel: präzise Angaben, wann welche Band dran ist und dass es wohl gegen Mitternacht zu Ende sein würde. Tatsächlich hielten sich die Veranstalter recht genau an den Fahrplan und das war schon logistisch eine eindrucksvolle Leistung. Bei allein drei verschiedenen Schlagzeugsets, diversen Tasteninstrumenten usw. Ich war pünktlich etwas vor 17 Uhr da und kam mit den ganzen VIPs hinein. Das war ein lustiges Vielvölkerschwatzen in der Warteschlange - auch die Altersverteilung fand ich sehr interessant... Das frühe Erscheinen sicherte mir einen genialen Platz, von dem ich die Bühne bestens im Blick hatte und zwischen den Konzerten gut ausruhen konnte. Leider war das Set von Mirel Wagner irgendwie lieblos platziert. Es ging schon damit los, dass Sie einige Minuten auf der Bühne saß und beginnen wollte, aber warten musste, bis jemand davon Notiz nahm und die Background-Beschallung abstellte. Sie spielte 35 min hinreißend traurige Lieder, mit sehr zurückhaltenden Ansagen zwischendurch. Es wurde ziemlich laut geschwatzt und mir tat es leid, dass dieses Setting so bescheuert organisiert worden war. Die einzige Frau, die ans Mikro treten durfte als Botschafterin nordischer Musik. Dann sowas... Sicher hätte es einen intimeren Raum in dem großzügigen Gebäude gegeben, wohin sich die hätten begeben können, die Mirel Wagner gern hören wollten. Und die anderen hätten sich halt vor der Hauptbühne auf die laute Musik eingestimmt. Hinreißend spielten anschließend die sehr jungen Männer von Figurines auf. Live gefielen sie mir ausnehmend gut. Beine still halten ging gar nicht. Das Haus war auch schon gut gefüllt und es wurde ordentlich mitgefeiert. Ich habe nach musikalischen Referenzen gesucht. Für mich war es an dem Abend am ehesten Franz Ferdinand meets Beatsteaks. Absolut eingängige Stücke zum Teil sehr rotzig vorgetragen, aber häufig mit einer Wendung ins frickelige überraschend. Der Teil des Abends, für den sich die Fahrt in jedem Fall für mich gelohnt hat, war Kaizers Orchestra. Das ist schon fast peinlich. Seit 2001 bin ich Fan, habe 5 CDs aber zum Liveerlebnis ist es nie gekommen. Das habe ich nun ausgerechnet in Zürich nachgeholt, aber warum auch nicht. Die Band war bestens aufgelegt. Das Publikum ohnehin in Feierlaune und die 80 min, die die Band hatten waren eine einzige Orgie. Das waren Vollblutmusiker, die ihrem Affen ordentlich Zucker gaben und das Publikum tanzte, sang, klatschte und schrie, dass es nur so eine Lust war. Ich erwische mich jedenfalls dabei, schon nach einem nächsten Konzerttermin zu schauen und dafür auch weite Wege in Kauf zu nehmen. Von der Musik her ging es quer durch alle Alben. Der Teil des Abends, der als Höhepunkt angelegt war, Caligula, ein neues Projekt von den beiden Mando Diao Frontmännern, war dagegen dann nur schal und oberflächlich für mich. Alles war als toller Höhepunkt inszeniert: die Premiere der neuen Band heute und hier - ihr wohnt einem historischen Augenblick bei... Ich zitiere: "Caligula, das sind Gustaf und Björn an den Vocals, ganz wie man's bei Mando Diao kennt. Die Musik dagegen ist volle Kraft voraus Sixties-Soul. Sixties Soul, modernisiert mit breiten, massiven Beats aus der Salazar'schen HipHop-Schule." Aber es war so gar nicht mein Ding. Genau die Musik, weshalb ich mein Radio schon gar nicht mehr einschalte. Traurig, weil ich auch vor 10 Jahren mal totaler Fan der ersten Mando Diao Platte war und eigentlich noch bin. Die Band trat als schwarze Kutten mit Kapuzen tragende Gruppe auf. Dazu Ansagen wie: "Wir sind ein Kollektiv und ein ganz neues Ding und ihr könnt heute auch Mitglieder dieses Kollektives werden" kam für mich als hohle Phrase an. Es sprang nichts über davon. Das nehme ich krumm. Nochmal zum mitschreiben: ich habe nichts gegen Beats und nichts gegen Hiphop oder Soul. Das Original zum Auftritt der Band in Mönchskutten wäre für mich z.B. "Seeed" als "Musik Monks". Das ist für mich glaubhaft und mit Inhalt. Caligula taten nur so und brachten es irgendwie doch nicht. Das Publikum ging ab und war offensichtlich sehr zufrieden. Mir war die ganze Show inkl. Musik wie Ersatzdrogen statt echter Musik. Der Auftritt hätte so auch beim Eurovisions Song Contest gepasst. Ich habe mir dann nach 30 min den Rest gespart und habe meine ohnehin kurze Nacht nicht noch durch solche Pseudomusik verkürzen lassen. Schade war allgemein der Lautstärke-Pegel, der ohne Ohrstöpsel nicht auszuhalten war. Ich weiß, das ist halt so, aber gut wird es dadurch trotzdem nicht. Ich habe inzwischen auch diverse Rockkonzerte erlebt, die ohne Stöpsel gingen. Tolle Fotos aller vier Acts gibt es u.a. hier: http://www.rockfoto.nu/venues/zurich/x-tra Weitere Informationen zur Veranstaltung hier: http://www.x-tra.ch/eventinfo_20120122_1814.html
Konzert: Craig Finn Ort: Fargo Store, Paris Datum: 24.01.2012 Zuschauer: etwa 25 Konzertdauer. etwa 35 Minuten Wenn Menschen aus nichtkünstlerischen Berufen ein schweres Herz haben, vertrauen sie sich in der Regel einem Psychologen an. Wenn an Musikern die Seelenpain nagt, schreiben sie traurige Songs, um sich zu erleichtern. So geschehen im Falle von Craig Finn, der hinsichtlich der Lieder seines ersten Solalbums Clear Heart Full Eyes dem angesehenen Uncut Magazin folgends sagte: "I turned 40 in August and wanted to reflect the quieter moments, those softer fears and anxieties." Aha, die sanfteren Sorgen und Ängste also, wohl in Abgrenzung zu seiner Arbeit mit seiner rockigeren Band The Hold Steady, wo er dann sicherlich die aggressiveren Ängste bekämpft, in dem er sie durch scheppernde, ordentlich rumpelnde Songs verarbeitet. Heute in Paris zeigte sich Craig von seiner besinnlicheren, intimeren Seite und zog vor etwa 20- 25 Leuten im schönen Fargo Record Store akustisch vom Leder. Ich war zu spät gekommen, weil ich vorher noch zu lange mit meiner Psychologin geplappert hatte (ich sollte Singer/Songwriter werden, dann kann ich mir die Sitzungen vielleicht sparen) und verpasste etwa 10 Minuten des feinen Sets. Dennoch sollte ich es nicht bereuen, nach Oberkampf gefahren zu sein, denn Craig, der zusammen mit einem Pedal Steel Gitarristen erschienen war, bot wirklich ein sehr nahegehendes Konzert, daß er mit knarzig-warmer, whiskeygetränkter (obwohl er hinterher statt Whiskey Bier aus einem Humpen trank) Stimme vortrug. Er klang fast wie Tom Petty,Bruce Springsteen, oder John Cougar Mellencamp, auf jeden Fall wie einer dieser alten Haudegen, bloß daß Craig Finn im Gegensatz zu den Genannten fast niemand kennt. Auf solche Mainstream-Acts wollte sich Craig Finn hinsichtlich seiner Einflüsse auch nicht berufen, sondern nannte (gegenüber Uncut) stattdessen geschmackssicherere Americana- Legenden wie Townes Van Zandt, Warren Zevon und Neil Young. Aber das hier heute war letztlich vor allem sein eigenes Ding. Es waren seine persönlichen Geschichten die er da singenderweise beschrieb, auch wenn die Texte nicht immer unbedingt autobiografisch gewesen sein mögen. Es ging oft um Einsamkeit, Entfremdung, Selbstfindung, aber auch um Gott. Jesus kam gleich mehrfach vor, nicht nur in dem gelungenen Stück New Friend Jesus. Mit einem schelmischen Lächeln kommentierte Finn anschließend, daß er gestern beim Gig im Ramones Museum in Berlin auf die Idee gekommen sei, statt Jesus vielleicht lieber Jay-Z zu singen, daß hätte mehr Pfeffer.
Sehr schön waren auch Western Pier und Honolulu Blues und die meisten Zuschauer hätten deshalb auch noch deutlich länger zuhören können. Aber Craig Finn hatte nicht ewig Zeit, schließlich befand er sich mitten in einer kleinen Promotour, die ihn am darauffolgenden Tag auch noch nach London führte.
Wer wie ich den Hold Steady Sänger mit seinem Soloalbum live erleben will, hatt am 26. März in Berlin die Gelegenheit dazu. Da wird der in Minnesota groß gewordene Mann die Felice Brothers supporten. Sicherlich ein stimmungsvolles Konzert, auf daß man sich freuen kann!
Craig Finn, Konzerttermine
23.02.2012: Doornroosje, Nijmegen 26.03.2012: Postbahnhof, Berlin 27.03.2012: Tivoli de Helling Fotos: Archiv
Dear Reader gehört hier bei uns zu den Bands, über die nun wirklich alles gesagt ist. Nach meinem letzten Konzert mit ihnen in der Frankfurter Brotfabrik im September, hatte ich auch erstmals Abnutzungserscheinungen meiner Liebe zu Cherilyn MacNeil und Band festgestellt. Mir fehlten Bandgründer Darryl Torr und dessen südafrikanischer Kollege Michael Wright und die vielen kleinen Gimmicks während der Konzerte. Sängerin Cherilyn hat eines der entwaffnendsten Lachen, die ich kenne. Mit Darryl und Michael gab es zig Momente, in denen die Sängerin laut losprustete, die Konzerte waren musikalisch eine Wucht, sie waren es aber auch wegen ihres Unterhaltungswerts. Natürlich teilte Cherilyn ihr sonniges Gemüt auch in Frankfurt, es fehlte aber doch einiges zu den Liveperlen der Vorjahre.
In was für Konstellationen alleine wir die Band erlebt haben! Erst zu dritt, dann mit der "neuen" Geigerin Jean-Louise, mit Gastmusikern von Get Well Soon, gemeinsam mit Brent Knopf (Menomena & Ramona Falls) als zusätzlichem Livemitglied. Im vergangenen Jahr wurden Michael und Darryl dann durch neue Musiker ersetzt. Die schwedische Vorgruppe Marching Band und Martin Wenk (Calexico) spielten gemeinsam mit Cherilyn und Jean-Louise.
Um kurz vor fünf war mir mein Fremdeln mit den neuen Dear Reader plötzlich egal, ich kaufte eine Karte - nicht meine schlechteste Entscheidung der letzten Monate.
Dear Reader begannen um kurz nach halb neun. Der Spiegelsaal des Walhalla war bestuhlt und recht gut gefüllt, ich schätze, knapp 80 Zuschauer waren gekommen. Zu meiner Überraschung waren die beiden Schweden der Marching Band wieder dabei, die Schlagzeug und Gitarre bzw. Bass bedienten. Dazu stand mit Alex aus Südafrika ein mir neues Mitglied am Keyboard. Wie üblich bei Dear Reader spielte er später allerdings auch andere Instrumente, Gitarre, Bass und Akkordeon.
Es begann famos mit Fox (Take your chances), herrlich laut geschmettert. Schon da waren meine Zweifel weg. Auch an den neuen Liedern übrigens, denn ich sehe da keinen Qualitätsunterschied mehr zu den Knüllern der Debütplatte. Natürlich ziehen Dearheart oder Great White Bear hervorragend, und natürlich ist Bend grundsätzlich das beste Lied im Programm, mich begeisterten aber daneben vor allem Whale (Boohoo) und Camel (Not black or white but camel). Die Lieder der neuen Platte haben ja alle Doppelnamen, erst den eines Tiers, in Klammern dann den echten Titel. Nur Mole (Mole) ist die Ausnahme. Cherilyn kündigte das Stück damit an, es handele sich um die Liebesgeschichte zweier Maulwürfe. Zweier "gay moles."
Aber ich will nicht immer so viel über Musik sprechen, es gibt ja viel anderes zu erzählen.
Cherilyn hatte am Anfang quasi als Warnung gesagt, sie sei heute ein bißchen schüchtern. Nachdem sie das erst akzentfrei auf Deutsch gesagt hatte, übersetzte sie es noch einmal - vollkommen unnötig, weil ihr Deutsch mittlerweile hervorragend ist. Sie lebt seit 18 Monaten in Berlin und hat sich offenbar hauptsächlich mit nicht-Berlinern unterhalten. Nur einmal kam eine kleine Unsicherheit durch. "Wir touren jetzt seit zwei Woche ... Wochen. Two, Many!" Sie habe aber auch deutsche Vorfahren, erzählte sie später. Ihr Opa hatte ihr neulich erzählt, daß ein Vorfahre 1745 aus Merseburg nach Südafrika ausgewandert sei. "I'm so proud to be sächsisch!"*
Das Konzert hatte übrigens so herrlich früh begonnen, weil es früh fertig sein musste. Es gebe da nämlich einen "grumpy Nachbarn", der gerne Ärger mache. Dabei drehte sich die Sängerin zu ihrem Schlagzeuger um: "du bist jetzt geschockt, daß ich das erzähle, oder? Er hat nämlich Bürokratie oder so studiert..." Über die Konzerterituale rund um Zugaben hat sich die Sängerin immer schon amüsiert. "Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, wir können von der Bühne gehen, und ihr klatscht, bis wir zurückkommen oder wir bleiben, ihr klatscht, und wir spielen weiter. Eure Entscheidung. Das ist wie bei diesen Büchern, die ich früher so geliebt habe. 'Wenn du willst, daß Little Johnny, das Schaf zu den Hügeln geht, lies auf Seite 86 weiter, wenn du willst, daß er zum Schlachter muß, auf Seite 90.'" Wie könnte man diese Band nicht mehr lieben? Die Frage wird noch sinnloser, wenn man solch hervorragende Konzerte erlebt!
Sieht also so aus, als ginge unsere gemeinsame Geschichte weiter. Demnächst spielt Chrilyn auch irgendwo akustisch. Die Variation habe ich noch nicht gesehen, hmmm... Setlist Dear Reader, Walhalla, Wiesbaden:
01: Fox (Take your chances) 02: Bear (Young's done in) 03: Dearheart 04: Earthworm (All hail our ailing mother) 05: Elephant (Hearter) 06: Whale (Boohoo) 07: Camel (Not black or white but camel) 08: Release me 09: Great White Bear 10: Man (Idealistic animals) 11: Mole (Mole) 12: Monkey (Go home now) 13: She's hers, he's his, I'm mine (Z) 14: Bend (Z)
15: Dancing in the dark (Bruce Springsteen Cover) (Z)
Konzert: The Notwist Ort: Doornroosje, Nijmegen Datum: 22.01.2012 Zuschauer: ca. 250 Dauer: The Notwist 85 min, joasihno 40 min
Gut, daß sich für unser Konzerttagebuch nur Musikverrückte interessieren. Ich würde es schrecklich gerne auch zu einer Plattform über Indietratsch machen, sobald wir aber in Berichten nur über den Kleidungsstil von Künstlern schreiben, bekommen wir das als irrelevant von musikalischen Revolutionswächtern um die Ohren gehauen. Das ist nicht gut, hier aber auch gerade nicht wichtig, weil es bei The Notwist schließlich weder um Mode noch um Klatsch geht. Gut ist die klare Zielgruppe deshalb, weil man der nicht lange erklären muß, warum vier erwachsene Menschen, die Montag früh arbeiten müssen, sonntags nach Holland fahren, um sich eine bayerische Band anzusehen. Leuten, die denken, daß das, was im Radio läuft, Musik ist, ist das einfach nicht zu vermitteln, der Versuch erntet mitleidiges Nicken, etwa das gleiche, das ich freiwilligen Helfern des Domino-Days entgegenbrächte, lernte ich welche von denen kennen. "Ach, ihr baut also monatelang Domino-Steine auf, die ein Mann mit lustigem Akzent dann umstößt?!"
Warum wir nach Nijmegen fuhren, ist dabei doch vollkommen naheliegend: The Notwist spielten da eben und Paris, München oder Metz waren uns zu weit.
Das Doornroosje ist ein Club, in den ich mich auf Anhieb verliebt hatte, als ich da vor ein paar Jahren Martha Wainwright gesehen habe. Der "große Saal" ist gemütlich klein und wäre auch in Köln einer meiner Lieblingsläden. Vermutlich passen in ein ausverkauftes Doornroosje 300 Leute, ein Rahmen also, in dem man Notwist in Deutschland nicht sehen kann.
Ausverkauft war der Club allerdings nicht, vermutlich waren 200 oder 250 Zuschauer da, die meisten kamen allerdings erst nach der Vorgruppe. Dabei war die (joasihno aus München) hörenswert. Wie es sich für Notwist Supports gehört, klangen joasihno experimentell, sie waren aber nicht anstrengend. Hinter joasihno verbirgt sich Christoph Beck aus Eichstätt. Christoph spielte vor allem mit Keyboard und Gitarre geloopte Melodien ein, erzeugte aber Liedteile auch mit Melodica und Blockflöte. Das schönste Instrument war allerdings ein knisterndes Blatt Papier, das er loopte und das so einen wundervollen Effekt ergab. Begleitet wurde er während seines Konzerts von einem Schlagzeuger.
Das 40 minütige Programm war kurzweilig und lohnenswert. Wenn man eine lange nächtliche Rückfahrt vor Augen hat, kann Zeit, die eine Vorgruppe kostet, ja schnell schrecklich weh tun, hier war alles prima!
joasihno hatte erstaunlich viel Platz auf der Bühne beansprucht. Wir hatten uns vorher schon gefragt, wo denn Notwist spielen wollten, weil kaum noch Platz für mehr als zwei Musiker da war. Als der joasihno Instrumentenpark gelichtet war, war allerdings wieder genug Raum da, um all die absonderlich tollen kleinen Dinge, die die komplexen Sounds der Bayern erfordern, unterzubringen. Wir standen vor Martin Gretschmann (Console), der neben seinen (bekannten) wii-Controllern auch viele andere lustig aussehende namenlose Sachen um sich aufgebaut hatte. Das letzte Mal in einem Club hatte ich Notwist im Kölner E-Werk gesehen, zwar auch weit vorne, da in diesem großen Saal "weit vorne" allerdings fünfzehn Meter von den Musikern weg ist, habe ich da wenig davon mitbekommen, was alles nötig ist, die Songstrukturen der Band live wiederzugeben. So aus nächster Nähe war das für mich der eigentliche Knüller des Abends. Darauf zu achten, für welche Töne oder Samples jetzt das Drücken auf den Computerspiel-Controller gerade verantwortlich ist, war fabelhaft!
Zu gucken gab es aber auch an allen anderen Stationen enorm viel. Hier mal ein Glockenspiel, da gescratchte Platten, dahinter vier-Schlägel Vibraphon - und alles in einer nicht nachvollziehbaren Perfektion. Tolle Platten schön und gut. Aber wenn man die nicht auf Bühnen umsetzen kann, taugt man nichts. The Notwist können das, und man sieht bei jedem Stück, wie verflucht schwer das sein muß.
Leider war das Programm im Vergleich zu den französischen Konzerten ein wenig abgespeckt. Daß die wenig gespielten Day 7 und My faults fehlten, war schade, in der Suppe muß aber wirklich nicht nach Haaren gesucht werden, dafür war das Konzert (ohne den neidischen Blick auf Frankreich) schon zu gut.
Am besten gefielen mir das Eröffnungsstück One dark love poem von der zweiten Notwist-Platte Nook, das ein grandioses Intro hatte (und vielleicht eine zu leise Stimme von Markus Acher - aber egal!) und Gloomy planets - erste unter gleichen.
Knapp anderthalb Stunden, die zwar normalen Menschen nicht zu vermitteln sind, die aber jeden Aufwand und jede Müdigkeit gerechtfertigt haben, da sind wir Freaks uns einig.
Setlist The Notwist, Doornroosje, Nijmegen:
01: One dark love poem 02: Pick up the phone 03: This room 04: My phrasebook 05: Blank air 06: Trashing days 07: On planet off 08: Gloomy planets 09: One with the freaks 10: Neon golden 11: Pilot 12: Gravity
13: Boneless (Z) 14: Where in the world (Z) 15: Consequence (Z)
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
Wir sind: Oliver Peel aus Paris und Christoph aus nicht weit von Köln und Julius aus Wien Vielen Dank unseren Gastautoren: Ursula, Uwe, Oliver S., Frank, Buzz, Eike, Kaddi, Micha, Gudrun, Magali & Solveig! Willst Du mitmachen? Oder hast Du Anregungen? Über Kommentare (auch kritische) freuen wir uns sehr.